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Verantwortung gesellschaftlicher Akteure

Einige Erkenntnisse über die Einstellung zum Klimawandel sowie Wünsche an eine gute Klimapolitik wurden bereits durch die Klimastudie von More in Common erforscht und zusammengefasst. Hier präsentierten wir die Ergebnisse unserer Studie, die auf die Arbeit von More in Common Deutschland aufsetzt.

Rolle der Bevölkerung

Die große Mehrheit der Typen ist sich einig, dass Klimaschutz Aufgabe aller ist und diese Aufgabe koordiniert angegangen werden sollte. In jeder Fokusgruppe fiel der Satz „wir müssen an einem Strang ziehen“ in der einen oder anderen Form.

Das Wir-Gefühl. Es ist nicht nur die Aufgabe von nur den Privatpersonen, nur der Industrie, alle müssen an einem Strang ziehen.“

Pragmatische

Abbildung 12: Verantwortlichkeit von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren

Bei der Frage, welche gesellschaftlichen Akteure für welche Aufgaben beim Klimaschutz verantwortlich sein sollten, zeigt sich, dass die Offenen und Involvierten eine größere Bandbreite an Akteuren in der Pflicht sehen als die übrigen vier Typen. Gleichzeitig sagen fast alle Typen, dass die gesamte Bevölkerung zwar stark in der Verantwortung steht, „Leute wie sie“ aber nur gering. Während dieses Ergebnis in gewisser Weise zu erwarten war, ist es dennoch überraschend, dass nicht einmal die Hälfte der Offenen und Involvierten der Meinung ist, dass Leute wie sie allgemein zum Klimaschutz beitragen sollten.

Da denke ich schon, dass ich keiner bin, der zu viel rausbläst. (…) Aber ich kenne sehr viele, die fahren überhaupt nicht gerne MVV oder gar nicht. Kennen sich auch zu wenig aus, finden es zu teuer und nehmen für jeden Mist das Auto. Ich fahre auch mal mit dem Rad oder gehe zu Fuß.“

Etablierte

Der Großteil der Bevölkerung ist also der Ansicht, dass er aktuell selbst bereits genug für den Klimaschutz leistet, und will nicht stärker durch andere zur Verantwortung gezogen werden.

In der Befragung wurde auch erhoben, wie die Fridays-for-Future-Bewegung bewertet wird. Generell sind die Typen der Meinung, dass FFF zu viele Protestaktionen durchführt und Aufmerksamkeit in den Medien erhält, in allen anderen Punkten jedoch zurückbleibt. Am meisten scheint es der Bewegung laut den Typen (und dabei v. a. den Wütenden, Enttäuschten, aber teils auch den Involvierten) an Kompromissbereitschaft, Verständnis „für Leute wie sie“ und direktem Austausch mit „Menschen wie ihnen“ zu mangeln.

Rolle des Staates

Bei den anderen abgefragten Handlungsoptionen (Führungsrolle beim Klimaschutz, Einsatz für strengere Klimaschutzstandards, Aufzeigen erfolgreicher Beispiele und Initiativen zum Klimaschutz, dem Bau von mehr erneuerbaren Energien und der Investition von Vermögen und Reserven in klimafreundliche Geldanlagen) sehen alle Typen in erster Linie den Staat verantwortlich. Dies sollte von den Politiker:innen wahrgenommen werden, da es eine starke Legitimation für staatliches Handeln darstellt. Auch Unternehmen sollten für die meisten Typen in die Pflicht genommen werden, wenn auch in geringerem Maße als der Staat.

Abbildung 13: Verantwortlichkeit des Staates bei unterschiedlichen Klimaschutzmaßnahmen

Rolle der Wirtschaft beim Klimaschutz

Der Großteil der Bevölkerung sieht neben dem Staat vor allem die Wirtschaft in der Bringschuld. So denken beispielsweise die Involvierten, dass Unternehmen es sich zu einfach machen und mehr in Greenwashing investieren, als ein wirklich umfassendes Umdenken im Unternehmen voranzutreiben. Die Untätigkeit großer Wirtschaftsunternehmen, aber teils auch staatlicher Institutionen wie Bildungseinrichtungen, wird dabei meist mit hohen Erwartungen und Appellen für den/die einzelne/n Bürger:in verglichen, die unverhältnismäßig erscheinen.

Die Politik muss viel stärker in die Pflicht genommen werden, bzw. wir machen ja mit Politik. Wir müssten dafür sorgen, dass da mehr passiert. Weil von alleine passiert es halt nicht. Durch dieses Greenwashing kriegen wir es definitiv aus der Wirtschaft so verkauft, dass wir was tun. Aber solange es keine Vorschriften da gibt, wird sich nicht wahnsinnig viel ändern.“

Involvierter

Das kleine Dieselauto, da haben sie sich ganz pingelig. Aber andere machen viel mehr Dreck, die großen Industriefirmen.“

Etablierter

Vorschriften oder Eigenverantwortung?

Wie sollen klimafreundliche Handlungen der Gesellschaft und der Wirtschaft sichergestellt werden? Bei dieser Frage eröffnet sich ein Kernkonflikt, auch innerhalb einzelner Typen. Einerseits findet sich bei allen Typen eine Abwehr von „Bevormundung“ seitens der Politik und ein Berufen auf die eigene Mündigkeit und selbstbestimmte Entscheidungen. Andererseits blickt die Mehrheit zynisch auf die bisherige gesellschaftliche Leistung beim Klimaschutz und äußert das Bedürfnis nach Orientierung, die gesamtgesellschaftliches Handeln sicherstellt und Ergebnisse liefert. Wenig überraschend ist deshalb bei allen Typen weder allein die Gesetzgebung noch die vollständige Eigenverantwortung der Bevölkerung der richtige Weg beim Klimaschutz, sondern die Kombination aus beiden

Mit Blick auf das Verhalten der Bevölkerung unterstützen die meisten Typen vor allem Bildungs- und Aufklärungsarbeit als essenzielle Basis für klimafreundliches Handeln in Eigenverantwortung. Vorschriften seitens der Politik werden als weniger wirksam angesehen. Bei der Wirtschaft hingegen sieht die Mehrheit der Typen durchaus Handlungsbedarf seitens der Regierung, damit große Industrien auch wirklich ihren Teil zum Klimaschutz beitragen. In den damit verbundenen Äußerungen aller Typen wird ebenfalls deutlich, dass viele Befragte sich fehlendes Engagement im Klimaschutz dadurch erklären, dass es an Wissen mangelt oder der Klimawandel als Problem noch nicht entsprechend verstanden wurde.

Ich glaube, man muss die Leute dazu bringen, es zu verinnerlichen, dass es um sie selbst und ihre Generation, die folgt, geht. Es ist irgendwie ein Mittelmaß von beidem. Von Eigenverantwortung, aber auch von einem gewissen politischen Vormund, gesetzlichen Vormund.“

Offene

Wartung von Solarmodulen

Die Industrie und die ganzen müssen auch dahinterstehen. Solange die nicht mitziehen, bleibt vieles bloß Wunschdenken.“

Pragmatischer

Der Ruf nach verbindlichen Regeln für die Wirtschaft, verbunden mit mehr Eigenverantwortung von Einzelpersonen, zeigt sich besonders bei der Frage nach möglichen Politikmaßnahmen. Während für fast alle Typen tendenziell alle angebotenen Maßnahmen ‚in die richtige Richtung‘ gehen, erhalten verbindliche Klimaschutzvorgaben und -standards für Wirtschaftsunternehmen bei den Befragten die absolut meiste Zustimmung: 89 % der Befragten sind der Meinung, dass diese in die richtige Richtung gehen. Die unbeliebteste Maßnahme sind klare Regeln und Gesetze, die Bürgerinnen und Bürger zu klimafreundlichem Verhalten verpflichten. Gleichzeitig ist wichtig, anzuerkennen, dass selbst diese Maßnahme noch für 71 % der Befragten eher in die richtige oder in die komplett richtige Richtung beim Klimaschutz geht. Daraus ergibt sich das Bild, dass die Typen zwar Regeln für klimafreundliches Verhalten für den oder die Einzelne nicht gerne sehen, jedoch gleichzeitig Vorschriften für die Bevölkerung als notwendig erachten, um gesamtgesellschaftlich Fortschritte beim Klimaschutz zu machen. 

Abbildung 14: Ansichten zu staatlichen Klimaschutzmaßnahmen

Bewusstsein von Trade-offs

Bei der Gegenüberstellung möglicher Zielkonflikte in der Klimapolitik zeigt sich, dass der Großteil aller Typen grundsätzlich bereit ist, gewisse persönliche oder gesellschaftliche Einschränkungen für den Klimaschutz in Kauf zu nehmen. So ist unter allen Typen (mit Ausnahme der Wütenden) die Mehrheit der Befragten der Ansicht, dass der Klimaschutz Vorrang haben sollte, auch wenn wir dafür einen geringeren Lebensstandard in Kauf nehmen müssen. Durchschnittlich 60 % aller Befragten über alle Typen hinweg sprechen sich dabei für mehr Klimaschutz aus, auch wenn er auf Kosten eines hohen Lebensstandards geht. Nur 36 % ist bei direkter Gegenüberstellung ein hoher Lebensstandard wichtiger als der Klimaschutz. 

Abbildung 15: Priorisierung von hohem Lebensstandard oder Klimaschutz
Aussage A = Ein hoher Lebensstandard sollte Vorrang haben, auch wenn sich dies negativ auf den Klimaschutz auswirkt. Aussage B = Der Klimaschutz sollte Vorrang haben, auch wenn wir dafür einen geringeren Lebensstandard in Kauf nehmen müssen.

Ebenfalls unterscheiden sich die Typen bei der Frage nach einem möglichen Zielkonflikt zwischen persönlichen Freiheiten und dem Vorantreiben des Klimaschutzes. So stimmt die Mehrheit der Offenen, Involvierten, Etablierten und Pragmatischen folgender Aussage zu: „Der Klimaschutz sollte Vorrang haben, auch wenn persönliche Freiheiten dadurch eingeschränkt werden.“ Bei den Enttäuschten und Wütenden hingegen ist die Mehrheit der Meinung, dass „die Wahrung persönlicher Freiheiten Vorrang haben [sollte], auch wenn sich dies negativ auf den Klimaschutz auswirkt“. Diese Trennlinie scheint dabei Einstellungen widerzuspiegeln, die besonders durch die Corona-Pandemie gefestigt wurden.

Einsatzkräfte der Bundeswehr auf der Ahr vor einem Haus, das bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 zerstört wurde.
Image credit: Christof Stache / Getty Images

Fazit & Empfehlungen

  • Verantwortung von Staat und Wirtschaft kommunizieren: Alle Typen formulieren einen klaren Appell an politische Entscheidungsträger:innen, beim Klimaschutz entschieden voranzugehen und den Rest der Gesellschaft mitzunehmen. Aus den Erwartungen der Typen an die Wirtschaft ergibt sich ebenfalls ein deutlicher Handlungs- und Kommunikationsauftrag an die Unternehmen, einen größeren und authentischen Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise zu leisten. Klimakommunikator:innen sollten daher, um auf Zustimmung bei der breiten Gesellschaft zu stoßen, in ihrer Kommunikation zum einen darauf achten, die Verantwortung von einzelnen Bürger:innen im Vergleich zum Staat oder der Wirtschaft entsprechend auszubalancieren und zum anderen ihre Kommunikation direkt an staatliche und wirtschaftliche Akteure richten.
  • Gratwanderung zwischen Überforderung und machbarem Beitrag in der Kommunikation individuell abwägen: Die meisten Befragten sind sich ihres eigenen Beitrags zum Klimaschutz durchaus bewusst. Sie sind mehrheitlich auch bereit, zum Wohle des Klimas Abstriche beim eigenen Lebensstandard zu machen. Gleichzeitig befürchten sie, dass die Einzelnen vor allem finanziell überfordert werden könnten. Klimakommunikator:innen aus der Zivilgesellschaft sollten diese Gratwanderung vorsichtig manövrieren und bei Appellen für individuellen Klimaschutz nicht die sozial gerechte Dimension, mit ihrem klaren Appell an die Politik, vergessen. Dies ist zentral, um keine Reaktanz bei bestimmten Typen (wie den Enttäuschten, Wütenden und teils auch den Pragmatischen und Etablierten) auszulösen. Gleichzeitig ist es wichtig, die besonders Interessierten und Willigen (wie die Offenen und Involvierten) für die nächsten Schritte im Engagement zu gewinnen und sie bei ihrem Einsatz zu unterstützen. Hier sollten Klimakommunikator:innen mit Feingefühl für ihre Zielgruppe individuell vorgehen. Eine Patentlösung für alle Typen gibt es an dieser Stelle für eine gelungene Klimakommunikation nicht.

Erkenntnisse aus der More in Common Klimastudie

Zwischen Handlungswunsch und Ohnmachtserfahrung

Eine weitere gemeinsame Erfahrung der Typen ist die erlebte Hilflosigkeit gegenüber dem Klimawandel. Man habe als Einzelne:r häufig das Gefühl, auf der eigenen Anstrengung „im Kleinen“ sitzen zu bleiben und darüber hinaus wenig ausrichten zu können. Die Kritik zielt vor allem auf Politik und die Wirtschaft, die noch zu wenig unternehmen würden. Doch auch der Blick auf die Mitmenschen fällt durchwachsen aus: Alle Typen – mit Ausnahme der Pragmatischen, die sich vor allem auf ihre eigene Lebensqualität beziehen und sich weniger mit abstrakten oder politischen Fragen beschäftigen – finden, dass die meisten Bürger:innen das Thema nicht ernst genug nehmen. Man glaubt noch nicht an das kollektive Handeln.

Es fällt auf, dass insbesondere die progressiven und im Selbstverständnis häufig ökologischen Offenen von sich selbst glauben, sie würden eine Vorreiter-Rolle einnehmen: Von ihnen glaubt im Vergleich zu den anderen Typen der größte Anteil, mehr als ihre Mitmenschen zu tun.

Insgesamt besteht Kritik an einer Klimastrategie, die in der allgemeinen Wahrnehmung zu stark bei der einzelnen Verbraucherin und zu wenig bei Unternehmen und „den Großen“ ansetzt. Diese Empfindung wirkt besonders frustrierend auf Typen wie die Pragmatischen oder die Enttäuschten, die sich selbst ohnehin wenig Handlungsmacht zuschreiben, oder Typen, die massiv mit dem politischen Gesamtsystem hadern wie die Wütenden. 

Verbindliche Regeln

Weil Klimaschutz nur funktioniere, wenn alle mitmachen, sind viele Menschen der Meinung, dass verbindlich festgeschrieben werden solle, was zu tun sei: Rund zwei Drittel sind für „Vorschriften und Regeln“, damit die Einzelnen genug für den Klimaschutz tun. Insgesamt fällt die Bereitschaft zur gemeinsamen Verbindlichkeit eher denjenigen leicht, die bereits ein positives Verhältnis zum Gemeinwesen haben – zum Beispiel den Etablierten und Involvierten. Die verunsicherten Enttäuschten sind zwar auch mit leichter Mehrheit für Vorschriften, ihre durchgehende Skepsis gegenüber einem System, das sie bislang als zu ihrem Nachteil erlebt haben, ist aber deutlich spürbar.

Hier geht’s zur ganzen More in Common Klimastudie


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